Systemwechsel
"Systemwechsel in der Erwachsenenwelt"
Auszüge aus der Diskussion mit dem Chefredakteur der Zeitschrift Capital, Dr. Klaus Schweinsberg, zu seinen Artikel mit dem Titel "Billigware Bildung" (Capital vom April 2006, Ausgabe 09/2006)...
2 | Learning Without Borders am 12. April 2006 (11:13)
Ich glaube, es ist eine Lachnummer zu glauben, dass wir Bildung in Zukunft noch umsonst bekommen. Außerdem: Was nichts kost, ist nichts wert. Wichtig aber: Wirklich Bedürftige müssen staatliche Unterstützung bekommen. Strenge Prüfungsverfahren sind hierfür nötig. So wie unser staatliches Bildungssystem sich im Moment darstellt, geht es jedenfalls AUF KEINEN FALL weiter, auch nicht mit den aktuellen Reformen und Pseudoreformen. Buargh. Sorry, aber ich habe zwei, demnächst drei Kinder, in der Schule und ich weiß wovon ich rede. PS: Ich komme aus Schleswig-Holstein.
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4 | Learning Without Borders am 12. April 2006 (18:00)
Ich darf an dieser Stelle meine Ohnmacht als Mutter im staatlichen Schulsystem gestehen. Wir in Schleswig-Holstein haben noch nicht einmal Bücher für die neuerdings von der Politik verordneten Vergleichsarbeiten, die oft sehr weit im Stoff zurückgreifen. Bücher für die Fächer Religion und Musik gibt es schon gar nicht - Religion ist ja auch nicht so wichtig (man möge mir diesen sarkastischen Einwurf verzeihen). Eltern “bewaffnen” sich zudem bei Ebay mit den, eigentlich nur für Lehrern zugänglichen, Lehrerlösungen, um überhaupt noch klar zu kommen (ich berichtete). Für ein ehrliches, sauberes und aufgeräumtes Schulsystem will ich gerne, über die Steuer hinaus, bezahlen. Warum soll das Geld, was ich im Moment, wie viele, viele andere, in den stark wachsenden Zweitschulmarkt stecke, nicht direkt an meine Schule gehen?
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9 | Learning Without Borders am 14. April 2006 (11:20)
Ganz vielleicht kommen wir aber auch ohne Schulgeld aus, wenn wir uns zu einem Systemwechsel in der Erwachsenenwelt entschließen könnten :-) Dieser Systemwechsel müsste derart gestaltet sein, dass wir die Bildung, die wir derzeit in den heruntergekommenen Hinterzimmern der Republik, den Schulen und den Universitäten, vermitteln, auf breiter Front über die Medien vermitteln.
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15 | Learning Without Borders am 17. April 2006 (17:30)
Wieviel Schulgebühr, Herr Dr. Schweinsberg, haben Sie sich denn pro Halbjahr und Kind vorgestellt? (In Ihrem Beitrag sprechen Sie von 100 Euro, aber nicht auf welchen Zeitraum.)Sicherlich gibt es doch Untersuchungen diesbezüglich…
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16 | Learning Without Borders am 17. April 2006 (19:00)
Ich habe die “Kiste mit der Bildung” ja für mich und meine drei Kinder derzeit anders gelöst. Weil ich, wie Sie, davon ausgegangen bin, dass es keine besonders große Lobby für Schulgeld gibt, das Schulsystem mittelfristig also keine finanzielle Hilfe zu erwarten hat, habe ich beschossen meine nächste, insbesondere auch meine mediale, Umwelt zu verändern. Wir, hier bei mir zu Hause, ersetzen alles, was dumm ist, durch etwas Intelligentes. So haben wir zum Beispiel die Programmierung unserer Fernbedienung geändert. ARTE liegt bei uns auf eins und KIKA auf zwei - Verdummungsfernsehen haben wir ganz und gar wegprogrammiert. Unsere Kinderzimmer sind technisch so aufgerüstet, wie Raketenabschussbasen in Cape Canaveral - so können sich die Kinder z.B. mit Wikipedia, Canoo und Google selber weiterhelfen. Wir haben Europakarten und Weltkarten aufgehängt und eine kleine und effiziente Haushaltsbibliothek angelegt. Unsere Telleruntersetzer zum Mittagessen sind vergrößerte, in Folie geschweißte, Tafeln zur deutschen Grammatik. Wenn wir verdummende Werbemittel geschenkt bekommen, lehnen wir sie ab oder schmeißen sie weg. Auf diese Art und Weise lassen wir uns von unserer Gesellschaft, bei der Verbesserung unserer Allgemeinbildung, zuarbeiten, um dem schwächelnden Schulsystem paroli zu bieten. Zwar gehen schon viele meiner Freunde so vor wie wir, doch würde ich mir bei dieser unserer Bewegung noch ein wenig mehr professionelle journalistische Unterstützung wünschen. Hegel würde denen, die diesen Zeitgeist erkennen und ihn weitertragen, auf die Schulter klopfen. Denn ein derartiger grundlegender Umwälzungsprozess im Denken und Handeln der Menschen, durch aktive Veränderung der Nachfrage, stützt sicherlich nicht nur das schwächelnde Schulsystem, sondern auch unser schwächelndes gesellschaftliches System und damit auch jegliche kurzfristige Maßnahme zum Erhalt von Frieden und Freiheit.
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19 | Learning Without Borders am 18. April 2006 (14:14)
Der Diskussion ist notwendigerweise noch hinzuzufügen, dass viele (mir ist nicht bekannt, wie viele) Eltern bereits eine Art freiwilliges, in der Höhe selbst bestimmtes, Schulgeld bezahlen - und zwar indem Sie in die Fördervereine ihrer Schulen einzahlen. An den beiden Schulen, die wir besucht haben, war das jedenfalls so.
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20 | Learning Without Borders am 18. April 2006 (16:00)
Ich darf diese Gelegenheit nutzen, um mich zu einer Vertreterin der “sauberen Lehre” aufzuschwingen. Seit meinem sechsten Schuljahr durchpflüge ich nun schon das deutsche Schul- und Universitätssystem - zuerst alleine und seit sieben Jahren nun mit meinen drei Kindern. Stets habe ich mich ungläubig gefragt, warum man mir zwar immer wieder Fragen, aber äußerst selten saubere Antworten, in Form von Musterlösungen, gab. Die Ursachen mögen vielschichtig sein, ändern aber nichts an der Tatsache, dass unser Bildungssystem unzureichende Musterlösungen liefert. Das ist meines Erachtens ein schwerer Systemfehler mit katastrophalen Auswirkungen. Aus meiner Sicht ist die Einheit von Lösungen und Musterlösungen absolut untrennbar. Meine These lautet deshalb: Den deutschen Schülern und Studenten wird fahrlässig gut und gerne 50 Prozent der Lehre vorenthalten, weshalb sie zwangsläufig in Scharen scheitern müssen. Wäre ich Bildungsministerin, wäre meine erste Anweisung an den Lehrkörper: “Eine Aufgabe, wird nach einem eigenstängigen Lösungsversuch, durch den Schüler, stets mit einer schriftlichen Musterlösung seitens des Lehrers nachbereitet. Diese Musterlösung soll den Schüler in die Lage versetzen seine Fehler zu erkennen und sich zu verbessern. Eltern dient sie zur heimischen Kontrolle ihres Sprösslings.” Ich weiß nicht, was die Impfung des Bildungssystems mit Musterlösungen kosten würde, aber ich bin mir sicher, dass eine derartige Impfung ihr Geld wert wäre. Ich biete einmalig 500 Euro!
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22 | Learning Without Borders am 19. April 2006 (10:45)
Sehr geehrter Herr Dr. Schweinsberg, um Missverständnissen und einer vielleicht unnötigen Welle der Empörung vorzubeugen, sollten sie eventuell die vorgeschlagene Vorgehensweise mit den Bildungsgutscheinen noch einmal zusammenfassend erklären. Ich glaube, ich habe das noch nicht genau verstanden. Welche Zusatzkosten kämen denn auf mich zu???
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23 | Learning Without Borders am 19. April 2006 (12:06)
Um die Ineffizienz des Schulsystems noch ein wenig zu untermauern, möchte ich eine durchaus übliche Vorgehensweise, welche ich oben bereits angedeutet hatte noch einmal etwas näher erläutern. Eltern besorgen sich die eigentlich nur Lehrern zugänglichen Lehrerlösungen bei Ebay oder von befreundeten Lehrern. Eingabewörter bei Ebay sind zum Beispiel: Kontrollaufgaben oder Vorschläge für Klassenarbeiten, Elemente der Mathematik - Lösungen, Physik für die Sekundarstufe I - Lehrerbuch, Begleitbuch für den Unterricht und so weiter und so fort. Bei Ebay werden für diese Unterrichtsmaterialien durchaus doppelte Marktpreise bezahlt. Lehrerkinder verfügen meist sowieso über diese “Lernkrücken”, da ihre Eltern sie ihnen ja problemlos besorgen können. Diese Vorgehensweise, von der ich weiß, dass sie von vielen Teilnehmern des Systems Schule genutzt wird, teilweise bereits als Notwehr, um nicht grob fahrlässig, im Verhältnis zu in bereits im Besitz befindlichen Kindern, zu handeln, führt zu unübersehbaren Klassenspiegelverschiebungen. DAS IST EIN NICHT HINNEHMBARER SKANDAL ALLERERSTER GÜTE! Denn, wenn mir abschließende Frage noch gestattet ist: Was ist noch Lehre und was ist teuer bei Ebay gekauft?
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24 | Learning Without Borders am 19. April 2006 (16:24)
Ich habe einmal durchgerechnet, was ein mehr oder weniger kompletter Satz Lehrerlösungen für eine Quarta am Gymnasium ungefähr (!) pro Jahr kostet. 3 Hefte x 20 Euro Englisch, 3 Hefte x 20 Euro Französich und nehmen wir noch mal eine Lehrerlösung Physik dazu - auch 20 Euro. Alles zusammen also 140 Euro pro Schuljahr - wenn man bei einem Lehrer bestellt. Das ist zwar offiziell nicht erlaubt, aber durchaus gängige Praxis. Bei Ebay müssten sie vermutlich aber mit dem doppelten - also 280 - Euro rechnen. Dieses heimliche Krückensystem funktioniert wohl aber nur bis einschließlich Untertertia, weil dann weniger abgefragt, dafür aber mehr Eigenleistung gefordert wird. Das reicht vermutlich auch, denn bis dahin haben die Lehrerlösungen ihre volle Wirkung entfaltet. Man hat nämlich den Stoff kapiert. 4 mal 280 Euro (ungefähre Schätzungen) minus 6o (da in der Sexta kein Französich) mnus 20 (da in der Sexta kein Physik). Macht 1040 Euro um das System immerhin bis einschließlich achte Klasse zu schlagen. Auf Grund der angeführten Tatsachen, fordere ich die sofortige Freigabe der Lehrerlösungen für kurzfristig mehr Systemgerechtigkeit.
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25 | Learning Without Borders am 19. April 2006 (17:06)
Noch eine kleine Anekdote? Altruistische Lehrerlösungsbesitzer lassen Hartz IV Empfänger kopieren. Dann kommt die “Schattenbildung” natürlich deutlich günstiger. Bisschen ärgerlich dann die ewige Zettelwirtschaft, aber besser ein paar sinnvolle Zettel, als gar keine. Gelebte soziale Gerechtigkeit. Zurückzudrehen ist dieser Zustand nicht. Die Lehrerlösungen sind im Volk und vermehren sich dort wie die Ratten. Nun sagen vielleicht einige Lehrer, wohlgemerkt nicht alle, ich nehme diese Arbeitsmaterialien nicht mehr. Dann sollten sie aber erst recht freigegeben werden, da sie hervorragende unterrichtsbegleitende Arbeitsmaterialien sind.
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26 | Learning Without Borders am 19. April 2006 (17:57)
War gerade bei Ebay. Ich finde es sind im Verhältnis zu anderen Tagen recht wenige Lehrerlösungen im Angebot. Mutmaßlich könnte das daran liegen, dass wir uns mitten in der Saison befinden. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich ausführlich vom 17. bis zum 20. Januar über diesen Missstand berichtet habe und professionelle Anbieter sich deshalb kurzfristig aus dem Geschäft zurückgezogen haben. Das ist aber nur eine Mutmaßung. Vielleicht muss man einfach nur ein paar Tage warten, bis das Angebot wieder besser ist…
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30 | Learning Without Borders am 20. April 2006 (16:38)
Herr Dr. Schweinsberg, ich glaube nicht, dass man sie bewusst missverstehen will. Ich glaube allerdings, dass das von ihnen erklärte Modell und sein Wirkungsmechanismus noch nicht klar ist. Wenn ICH sie richtig verstanden habe, sehe ich allerdings schon meine Chancen als Kaufmann. Sobald es diese Bildungsgutscheine gibt, mache ich nämlich eine Schule auf und trete damit in Wettbewerb zu den staatlichen Schulen. Zunächst nehme ich den selben Preis wie die staatlichen Schulen, um Kunden zu gewinnen. Ich bemühe mich tierisch und gewinne Schüler der staatlichen Schulen. Diese Schulen erschrecken sich daraufhin und versuchen ihre Strukturen zu verbessern. Sie werden tatsächlich besser und ziehen wieder Schüler bei mir ab. Das ärgert mich als Schulleiter sehr und ich verbessere meine Strukturen wiederum. Ich werde besser und besser, als die staatlichen Schulen, die jetzt ihrerseits durch den Wettbewerb auch schon deutlich besser sind. Ich halte das hohe Niveau und weil ich die Leiterin einer saugeilen Schule bin und alle das wissen, kann ich mehr Geld fordern. ES IST DER WETTBEWERB DER DAS SYSTEM VERBESSERT. Wie funktionieren denn die Privatschulen im Moment? Sind die im Moment denn rein privat finanziert oder bekommen sie die gleichen Fördergelder wie die staatlichen Schulen. Wenn sie Ihre Idee weiterverfolgen wollen, müssen sie bestimmt noch etwas mehr Aufklärungsarbeit betreiben…
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38 | Learning Without Borders am 25. April 2006 (11:01)
Strategieplan zur kurzfristigen Verbesserung der Verhältnisse in Schulsystem und Gesellschaft: Journalisten greifen den Skandal um die Lehrerlösungen auf - siehe Kommentar 4, 23, 24 und 25. Der Skandal erscheint auf den Titelseiten der deutschen Presse. Das deutsche Schulsystem erklärt seinen entgültigen Bankrott. Die Konsequenzen: 1. Die Lehrerlösungen kommen frei, was Hilfe zur Selbsthilfe verspricht. 2. Die Gesellschaft begreift mehr und mehr die tatsächlichen Nöte in denen wir uns befinden. Sie verändert nun endlich durch bewusste Veränderung ihrer Nachfrage die Medien, insbesondere das Fernsehen. Denn, ohne das Fernsehen, so wage ich vorsichtig zu behaupten, kommen wir nicht in die Zukunft. Das Fernsehen schwingt sich seinerseits nun zum Lehrer der Nation auf und bringt uns die “globalen Bildungsstandards” bei. Schule, Fernsehen und Gesellschaft arbeiten jetzt konstruktiv Hand in Hand zum Wohle des Volkes. Andere Länder folgen dem deutschen Vorbild. Deutschland wird über diese Entwicklung zum Vorreiter einer globalen Bildungsoffensive. Es gibt viel zu tun, packen wir es an…
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Learning Without Borders - 13. Okt, 14:17


